Berliner Museen abseits der Touristenpfade

Klein, aber oho...

Lippenstift, Zuckertor und Currywurst – Berliner Museen abseits der Touristenpfade

Berlin ist eine Museumsstadt. Highlights wie etwa Pergamon- und Bode-Museum, Altes Museum, Deutsches Historisches Museum oder Naturkundemuseum sind weltweit bekannt. Unter den mehr als 175 Ausstellungsorten gibt es aber auch viele interessante Häuser abseits der Touristenpfade.


 

Museum der Dinge, Kreuzberg

Wenn Stefan Jungklaus Zeit hat, bleibt er am liebsten vor einer Vitrine mit kleinen Plastikfiguren stehen. „Sind die nicht großartig?", fragt er und zeigt auf eine Reihe knallbunter Gestalten, die auf der Brust die Namen Ed, Usch und O tragen. Sie waren vor gut 30 Jahren kleine Zugaben eines Kaffeerösters und gehören nun dem Werkbundarchiv – Museum der Dinge in Berlin-Kreuzberg, das die Produktkultur des 20. Jahrhunderts zeigt. Jungklaus führt dort Besucher durch die 20 000 Objekte umfassende Sammlung oder er erläutert anhand von Vasen, Tellern, Möbelstücken oder Kaffeeverpackungen, was „gute Gestaltung" ausmacht. Aktueller Stand der Dinge: Eine Sonderausstellung zum Thema „Die bösen Dinge, eine Enzyklopädie des Ungeschmacks", noch bis Januar 2010.

Museum der Dinge, Oranienstraße 25, Fahrtipp: U1, U8 Kottbusser Tor, M29, 140 Adalbertstr./Oranienstr., Öffnungszeiten: Fr, Sa, So, Mo 12-19 Uhr, Eintritt: 4 Euro, ermäßigt 2 Euro


Currywurst-Museum, Mitte

Lügen, Milben und Mehlsäcke: Kaum zu glauben, was in Deutschland alles mit einer eigenen Ausstellung gewürdigt wird. Den jüngsten musealen Ritterschlag erhielt im August ein kleingeschnittenes Würstchen mit Ketchup und würziger, safrangelber Sauce darauf: die gute alte Currywurst.

Dass das fünf Millionen Euro teure Museum in Berlin steht, ist kein Zufall. Denn dort soll der Imbiss Ende der 1940er Jahre erfunden worden sein. Außerdem gibt es in Berlin angeblich die meisten Currywurstbuden der Welt. Die Besucher können sich auf Bildschirmen durch alle möglichen Currywurst-Infos klicken, ihre Köpfe in eine nachgebaute Imbissbude stecken und – weil das alles hungrig macht – im Museumsshop eine Wurst kaufen und vertilgen. Dass die Wurst nicht nur in Berlin, sondern auch in anderen Regionen – etwa dem Ruhrgebiet – von essenzieller Bedeutung ist, davon sang schon Herbert Grönemeyer: „Kommse vonne Schicht. Wat schönret gibt et nich. Als wie Currywurst."

Currywurst-Museum, Schützenstr. 70, Öffnungszeiten: täglich 10-22 Uhr, Eintritt: Erwachsene 11 Euro, ermäßigt 8,50 Euro, Kinder (6-13 Jahre) 7 Euro


Puppentheater-Museum, Neukölln

Wesen aus Stoff und Holz empfangen die Besucher im Puppentheater-Museum im Bezirk Neukölln. Blasius Manfredi etwa trägt ein grünes Gewand, hat einen leichten Überbiss und ist ein wenig bucklig. „Haben Sie nachher noch etwas vor, meine Liebe?", krächzt der Puppen-Greis. Fast hätte man tatsächlich geantwortet, da taucht ein Museumsmitarbeiter lachend hinter der Blasius-Figur auf. „Einer Puppe erzählt man die intimsten Sachen", sagt er. Weil die Physiognomie der Figuren immer gleich sei, erlebe der Zuschauer alles im Kopf. Dass Puppe nicht gleich Puppe ist, erfährt der Besucher rasch anhand einer Auswahl der knapp 3000 Figuren aus dem Besitz des Museums: Einer der Schwerpunkte der Sammlung ist die Puppentheater-Geschichte Berlins.

Puppentheater-Museum Neukölln, Karl-Marx-Str. 135, Öffnungszeiten: Mo. – Fr. 9-16 Uhr, Sonntag 11-16.30 Uhr Eintritt: Erwachsene 3 Euro, ermäßigt 2,50 Euro, Kindergruppen 2,30 Euro, Fahrtipp: U7 U-Bhf. Karl-Marx-Str., Ausgang Neuköllner Oper


Zuckermuseum Wedding

Im Wedding stehen die süßen Dinge im Vordergrund. Das dortige Zucker-Museum ist das älteste Spezialmuseum seiner Art in der Welt. 1747 entdeckte Andreas Sigismund Marggraf in Berlin den Zucker in der Runkelrübe; wenig später wurde hier der erste Rübenzucker hergestellt. Mitte des 19. Jahrhunderts entstand das Zentrallabor der deutschen Zuckerindustrie, in dessen Räumen das 1904 gegründete Museum seither teilweise untergebracht ist. Zu sehen gibt es einiges. So steht im Museum etwa das Brandenburger Tor – aus Zucker. Und der Zuckerbläser schafft, einem Glasbläser gleich, jeden Sonntag bizarre Figuren vor den Augen der Kinder: so unter anderem einen Vogel im Sturzflug.

Zuckermuseum Wedding, Amrumer Str. 32, Öffnungszeiten: Mo-Do 9-16.30 Uhr, So 11-18 Uhr, Eintritt: frei, Fahrtipp: U9 Amrumer Straße, U6 Seestraße, Tram M13, 50 Seestraße/Amrumer Straße


Lippenstift-Museum von René Koch

Den Ersten, einen Lachsfarbenen, bekam René Koch von der Knef. „Da war nicht mehr viel drin", erinnert sich der Starvisagist, „sie wollte ihn deshalb wegwerfen". Das wusste Koch zu verhindern. „Ich heb ihn auf, irgendwann kommt er in mein Lippenstift-Museum", sagte er damals. Inzwischen ist René Koch Herr über eine Hundertschaft von Lippenstiften aus aller Welt. Wie einem halben Dutzend von Evita Perón, die er aus dem Nachlass der südamerikanischen Ikone ersteigert hat. Diese und viele andere Lippenstifte, dazu alte Plakate wie das der Knef für den „Volkslippenstift", DDR-Lippenstifte sowie 125 aktuelle Kussmund-Karten von prominenten Mündern wie Mireille Mathieu, Bonnie Tyler und Brigitte Nielsen kann man in der Ausstellung „Stylo d’Amour" im Lippenstiftmuseum bewundern.

Helmstedter Str. 16, Wilmersdorf. Tel_8 54 28 29, Fahrtipp: U Berliner Str. (U7/U9)


Notaufnahme Marienfelde

Ein mehr als schlichter 50er-Jahre-Klotz, vier Stockwerke, kleine Fenster kleben in der glatten Fassade. Links daneben und hinter dem Hauptgebäude Wohnblöcke gleich nüchterner Aufmachung. Es war hier unten in Marienfelde, wo von 1953 bis 1990 für rund 1,35 Millionen Flüchtlinge die DDR ihr Ende nahm und der Westen begann. Im ehemaligen Notaufnahmelager für DDR-Flüchtlinge. Nun ist es ein Museum. Eine Ausstellung zwischen stählernen Stelen, hinter weißen Türen oder in braunen Schubladen. Der Besucher blickt in Gesichter der Flüchtlinge, hört ihre Fluchtgeschichten und Motive, sieht ihre Koffer, Schuhe und Plüschtiere, die sie auf ihrem Weg begleiteten. Er erahnt die unglaubliche Bürokratie, die das Lager bestimmte: Essensmarken, Wartenummern, Heimausweise, Laufzettel. Ein Schaufenster voller Stempel. Es war ein Lager ohne Namen, die die Flüchtlinge in Marienfelde gegen Nummern tauschten – zum Schutz vor möglichen Stasi-Spitzeln.

Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde, Marienfelder Allee 66-80, Öffnungszeiten: Di-So 10 bis 18 Uhr, der Eintritt ist frei. Führungen mittwochs und sonntags um 15 Uhr. kosten 2,50 Euro, ermäßigt 1,50 Euro, Fahrtipp: S2 S-Bhf. Marienfelde, M77 Stegerwaldstraße.


Tormuseum im Charlottenburger Tor

Das bronzene Götterhaupt mit den Hörnern ist deutlich größer als ein Menschenkopf. Schließlich soll das grimmige Gesicht Eindruck machen, ebenso wie das benachbarte Fabelwesen, eine Mischung aus Schlange und Drachen. Ab dem Frühjahr 2010 werden die Schmuckfiguren zu bewundern sein – in etwa 16 Meter Höhe auf einem der beiden Kandelaber, die gegenwärtig auf der Charlottenburger Brücke historisch getreu errichtet werden. Die 22 Meter hohen Leuchter gehören zum Ensemble des Charlottenburger Tores an der Straße des 17. Juni. Im Zweiten Weltkrieg wurden sie zerstört. Jahrelang erinnerte nichts mehr an sie. Erst mit der Anfang 2007 abgeschlossenen Sanierung des Charlottenburger Tores kam die Chance zum Wiederaufbau.

Die Baustelle kann auch von oben besichtigt werden – von der Plattform der beiden Tore aus. 2005 gründete sich ein Freundeskreis für das Charlottenburger Tor. Im September 2007 eröffnete er im Keller des Tores ein Museum, das auf Schautafeln über die Geschichte des Tores informiert. Auch der Aufstieg auf das mehr als 20 Meter hohe Plateau über 68 Stufen ist möglich.

Tormuseum im Charlottenburger Tor. Öffnungszeiten: jeden Sonnabend von 12 bis 15 Uhr; Eintritt: 1,50 Euro, Fahrtipp: S3, S5, S7 S-Bhf Tiergarten, U2 Ernst-Reuter-Platz


Gründerzeit-Museum Mahlsdorf

Im Jahre 1958 sollte das damals 150-jährige Gutshaus Mahlsdorf gesprengt werden. Charlotte von Mahlsdorf († 2002) verhinderte den Abriss und bemühte sich mehr als 35 Jahre lang um den Erhalt des Hauses. Seit November 2007 wurde das Gutshaus Mahlsdorf denkmalgerecht restauriert, nach knapp 18 Monaten Bauzeit wurde es im März 2009 wieder eingeweiht. Durch das komplett im Gründerzeitstil eingerichtete Gutshaus gibt‘s unter Leitung netter Museumsführer Rundgänge durch Küche (Wäschemangel, Kartoffelschälmaschine), Salonzimmer (neogotisches Mobiliar, Uhrensammlung), Gaststätte „Mulackritze", das so genannte „Hurenzimmer", Musikmaschinenzimmer mit historischen Musikautomaten inklusive Vorführung. Dieses Museum ist ein sinnlicher Leckerbissen!

Gründerzeitmuseum Mahlsdorf, Hultschiner Damm 333, Öffnungszeiten: mittwochs und sonntags 10-18 Uhr, Eintritt: im Museum erfragen, Fahrtipp: S5, S-Bhf Mahlsdorf, Tram 62 Alt Mahlsdorf